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Texte
Christbaumständer
„So schwer, mein Leben. Aus Gusseisen“ seufzt der Christbaumständer. „So schwierig, von Anfang an.“ „Elf Monate im Jahr … arbeitslos“, klagt er mit einem neuerlichen Seufzer, dass er die meiste Zeit achtlos in einer Schachtel liege. Sein Schicksal als Langzeitarbeitsloser.
Am liebsten würde er weinen, doch keine Träne fließt. Sein Inneres fühlt sich schon seit Jahren, genauer gesagt seit Jahrzehnten erkaltet an, und schwer kommt ihm sein Dasein vor. Als der Christbaumständer das Licht der Welt erblickte, da hatte er noch an sich geglaubt, an Aufstiegschancen, an Karriere, an Großes, das er erreichen würde. Er hatte sich vor seinem geistigen Auge in einem Eisenbahnwaggon von Land zu Land reisen gesehen. Europa kennenlernen! Die Welt entdecken. Er hatte sich in die Raumfahrt geträumt, mit einem Raketenflug, bei dem er dabei wäre. Beim Erforschen des Weltraums, wenn Astronauten auf den Erdball hinunterblicken, so wie Menschen auf eine Kugel Kaffee-Eis in der Waffeltüte, die sie in der Hand halten. Aber nichts. Kein Zug, kein Raumflug, kein Weltraumblick – bis zum heutigen Tag. Das würde wohl so bleiben für den Rest seines Lebens.
Des Christbaumständers Tage und Nächte sind gekennzeichnet von Ruhe. Nichts zu tun, als einfach da zu sein, zusammen mit den Christbaumkugeln und dem Lametta. „Ohne Arbeitslosigkeit wärs‘ doch viel netter!“ erwartet er sich.
„Sei doch froh!“ wispert ihm eines der Bücher zu, die im Regal ober ihm stehen. „Du hast viel Ruhe, und die ist dir gewiss über längere Zeit. Dich rührt keiner an, während der elf Monate vor dem Advent“, ergänzt das Strickbuch, das einen fünf Zentimeter breiten Rücken trägt. Es lugt ein wenig aus der Reihe hervor. „Wir stehen jederzeit griffbereit. Jeden Augenblick kann wer daherkommen und ein Buch entnehmen zur Lektüre. Dann ist es vorbei mit dem Ruhen oder Schlafen. Als Strickbuch, Koch- oder Gartenbuch hast du viel zu tun!“ jammert das Strickbuch, das sich nach solch seliger Ruhe sehnt, wie sie der Christbaumständer beklagt. Es war erst vor einer Stunde zur Hand genommen worden, wegen einer Tabelle, um eine Armkugel zu berechnen für einen Pullover. Als Arbeitsbuch würde ihm als solches aber keine besondere Zuwendung zuteilwerden, findet das Strickbuch. Ganz anders beim Christbaumständer, ohne den es keinen Weihnachtsbaum im Raum gäbe, kein hell erleuchtetes Zimmer am Heiligen Abend, keine strahlenden Kinderaugen vor dem Christbaum.
„Ach“ wischte er die Worte weg. Was wolle er mit einem Garten- oder Kochbuch, oder gar mit einem Strickbuch ein Gespräch führen? Sich womöglich den Rat geben lassen, in der Zeit der Arbeitslosigkeit zu stricken, eine Mütze oder Socken anzuschlagen aus Langeweile? Was täte er damit! Einen Christbaumständer zu sehen mit einer wärmespendenden Mütze zwischen den Schultern, guter Gott, das gäbe Gelächter!
Er denkt lieber das Christkind, das weihnachtliche Wünsche erfüllen kann. Das hatte er all die Jahre erlebt in dieser Familie, bei der er seit sechzig Jahren im Dachgeschoß haust. Der Christbaumständer entschließt sich, einen Brief zu schreiben ans Christkind. „Liebes Christkind, zum ersten Mal in meinem Leben wende ich mich an dich. Ich komme mit einer Bitte zu dir: eine Freundin wünsche ich mir! Eine Christbaumständerin.“
Dezember 2025
Erzähl mir, was bleibt
Bei meinem Elternhaus stehen Apfelbäume, Birnenbäume und Kastanienbäume. Mir ihren Früchten und mit dem Schatten spenden begleiteten sie meine Kindheit. Der Lederrander mit seiner rauen und rotwangigen Schale und Lakob Lebel mit seiner wachsartigen Schale, sie waren der Großmutter liebst Äpfel. Mit ihrer Schürze sammelte sie im Herbst diese Äpfel vom Boden auf und sie trug sie in ihre Stube. Fünfzig Jahre später bin ich die Großmutter und sammle Äpfel auf. Von denselben Bäumen.
Im Konzert
Meine Augen bewegen sich mit dem Geigenstab. Die Seiten klingen. Ich kann den unterschiedlichen Stimmlagen im Song folgen und ich beobachte das Spiel am Cello. Ein Musizieren, das den ganzen Leib erfasst bis in die Füße, die im Takt wippen oder sie gleiten am Boden hin und her, als würden sie tanzen wollen. In der zweiten Reihe sitzend fühle ich mich dem Geschehen auf der Bühne nahe. Ich lausche wie die Musik klingt und ich schaue, wie die Musiker die Töne bewegen. Eingängige Melodien schwingen sich in meine musiklauschenden Ohren. Hits aus der Blütezeit von ABBA in den 1970er Jahren.