Tagwerk

Ich glaube

… an das kindlich freie Spiel
… an das Licht der Sonne am Morgenhimmel
… an den Regen, der der Erde Feuchtigkeit spendet
… an die Lebenskraft von sauberen Trinkwasser
… an die Mariazeller Bahn, die fahrplanmäßig fährt
… an die Stille der Nacht, die Lärm und Geschäftigkeit schuckt
… an den Humus, den die Regenwürmer in der Erde hinterlassen
… an den Segen von Vater und Mutter
… an den (Schlüssel) Bart, der meine Haustür sperrt
… an die Standfestigkeit von Tischbeinen und Sesseln
… an die Zustellkraft der Post, die allen etwas bringt
… an den Zauber von Postkarten, die ich empfange oder versende

Emely

Leopolditag, 2023. Es stürmt. Wohlig geborgen hinter den Fensterscheiben sitzend, beobachte ich eine tintenblaue Wolkenfront. Sie wälzt sich von West nach Ost, als würde der liebe Gott eine Stoffbahn am Himmel ausrollen. Meine kalten Zehen drücke ich an die warmen Heizkörperrippen. Wie gut, dass mein Mann Feuer schürte im Ofen. Ein aufkommender Regenschauer trübt meine Fernsicht. Zehn Minuten später schält sich wieder ein breiter Streifen Himmelsblau hervor. In der Ferne leuchtet die hervorkommende Sonne sanfte Bergrücken zwischen St. Pölten und dem Jauerling an. Winzige, weiße Häuserwände und rote Dächer tauchen auf im Licht und ich kann mit freiem Auge die Ruine Hohenegg erkennen. Die Sonne wirft abendgoldenes Licht über die herbstlich gefärbten Bergrücken und wirft dabei lange Schatten gegen Ost. Sie faszinieren mich.

Ich beobachte ein Flugzeug am wolkenfreien Himmel. Das Flugzeug zieht westwärts und hinterlässt eine silbergraue Spur. Möglicherweise fliegt der Silbervogel nach Brüssel, in die USA oder zu einem Flughafen in Südamerika.

Mir kommt ein überraschender Gedanke in den Sinn. Mit einem Flug könnte ich innerhalb eines Tages in Guatemala sein. Das Land, in dem Emely lebt. Ich lese nach, die Flugzeit beträgt siebzehneinhalb Stunden von Wien-Schwechat bis Guatemala-Stadt. In der App erfahre ich, zwischen den beiden Flughäfen liegen ziemlich genau 10.000 Kilometer Luftlinie. Etwa fünfundfünfzig Kilometer westlich von der Hauptstadt Guatemala-Stadt entdecke ich auf der Landkarte Chimaltenango. Jener Ort, in dem Emely geboren wurde. Jener Ort, in dem sie ihre Kindheit verbrachte, die Schule besuchte und erwachsen wurde – und wo sie sich selbst zum ersten Mal ein Paar Schuhe kauften konnte, wie sie erzählt.

Chimaltenango murmle ich vor mich hin. Chimaltenango ist eine mir unbekannte Region in einem lateinamerikanischen Land, das mir so wenig vertraut erscheint, wie der Bau eines Automotors. Ich lernte Emely als Kollegin in einem Onlinekurs kennen. Sie absolviert wie ich einen Literaturkurs bei Prof. Alberto Chimal, dem in Mexiko geborenen Schriftsteller und Lehrer für kreatives Schreiben.

Texte von den Kurskolleginnen und -Kollegen zu reflektieren, gehört zu den Aufgaben des Kurses. Wie auch ein Abschlussprojekt, das es zu verfassen gilt. Vor zwei Tagen begann ich Emelys Abschlussprojekt zu lesen, worin sie von ihrer Kindheit und Schulzeit erzählt.

Zeitlich steigt sie dabei im Dezember ein. Ferien. Sie freut sich auf den Jänner, wenn die Schule wieder startet. Oder genauer gesagt, sie freut sich auf den Sportunterricht. Das Einzige, das sie an der Schule mag. Sie liebt Fußball und Basketball. Das Einzige, wo sie sich frei fühlt. Unbeschwert.

Einmal hatte Emely ein Jahr lang keine Schuhe gehabt zum Anziehen. In der Schule hänselten sie die Kinder deswegen. Weil sie barfuß ging, kommentierten sie das mit abfälligen Worten. Das tat Emely weh. Sie weinte jeden Tag. Ihre Mutter betrübte das sehr. Ihr Vater nahm Emely eines Tages mit in die Berge, erklärte ihr, sie solle sich wegen der Kommentare der Schulkameraden kein Kopfzerbrechen machen, die anderen wüssten nicht, dass es eine Kunst sei, ein Jahr lang ohne Schuhe auszukommen.

Emely erzählt, manche Schulkameradinnen fangen an, von der Ehe oder von einem Ehemann zu sprechen. Emely mag das nicht hören. Sie will keinen Ehemann, sie will allein leben. Doch während sie darüber nachdenkt, fällt ihr ein, dass sie allein niemanden hätte, mit dem sie Basketball spielen könnte.

Als Emely bei der mündlichen Literaturprüfung durchfällt, schimpfen die Lehrkräfte mit ihr, sie hätte mehr lesen müssen. An diesem Tag fürchtet sie sich, nach Hause zu gehen. Sie versteckt sich in einem Maisfass und bleibt dort die ganze Nacht verborgen. Ihre Schwester bringt ihr etwas zu essen. Emely sieht den Mond am Himmel und sie erzählt ihm von ihrem Kummer. Danach fühlt sie sich auf wundersame Weise erleichtert.

Als ich über die Tradition der Kinderehe in Guatemala lese, beginne ich Emelys Wunsch zu verstehen. Mädchen werden schon mit zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahren verheiratet. Für manche Mädchen bedeutet eine frühe Heirat, sie müssen ihre Schulausbildung aufgeben. Sie werden sehr jung Mütter, ohne zuvor die Möglichkeit gehabt zu haben, herauszufinden, wer sie selbst sein möchten. Ihr Leben wird von anderen bestimmt, noch bevor sie die Möglichkeit haben, ihre eigenen Wünsche zu verwirklichen.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass Emely gerade beim Fußball- und Basketballspielen jene Freiheit empfindet, die ihr im Alltag fehlt. Auf dem Spielfeld zählen nicht die Schuhe, die sie trägt, nicht die Worte ihrer Mitschülerinnen und auch nicht die Erwartungen an ihre Zukunft. Dort darf sie einfach Emely sein.

Ich denke an den Mond, dem sie in jener Nacht im Maisfass ihren Kummer anvertraute. Und ich denke an den Himmel über mir, unter dem auch sie lebt, tausende Kilometer getrennt von mir. Wir sehen dieselbe Sonne, wir sehen denselben Mond, doch unsere Möglichkeiten, über das eigene Leben zu bestimmen, sind nicht dieselben.

Draußen ziehen die Wolken weiter. In der Ferne beleuchtet die wieder hervorkommende Sonne die Bergrücken zwischen St. Pölten und dem Jauerling. Ich sitze warm und geborgen hinter meiner Fensterscheibe in Rabenstein und denke an Emely.
Möge ihr die Freude am Spielen erhalten bleiben. Und möge eines Tages ein Leben auf sie warten, in dem sie nicht nur auf dem Basketballfeld frei sein darf.

Tagebuch

Für mich stellt das Tagebuch einen täglichen Begleiter dar seit 1999.
Am 12. Juni ist Welttag des Tagebuchs.

Wieso dieser Tag gewählt wurde? Er geht zurück auf Anne Frank. Sie erhielt zum Geburtstag von ihrem Vater am 12. Juni 1942 ein Notizheft. Sie schreibt ihren ersten Eintrag: „Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.“

„Ich reise niemals ohne mein Tagebuch“ – schreibt Oscar Wilde 1895.
Der Schriftsteller Franz Kafka führt Tagebuch von 1909 bis 1923. Darin notiert er sowohl autobiografische wie auch literarische Texte. „Ich werde das Tagebuch nicht mehr verlassen. Hier werde ich mich festhalten“, schreibt er am 16. Dezember 1910.

Erich Kästner gibt uns Lesenden mit „Notabene 45“ Einblick in den alltäglichen Wahnsinn ab Februar 1945, beginnt kurz vor den Luftangriffen auf seine Heimatstadt Dresden mit dem Kriegstagebuch.

Mit dem Film „The Danish Girl“ erzählt der britische Regisseur Tom Hooper von der ersten Geschlechtsangleichung, die im vorigen Jahrhundert gemacht wurde. Der Künstler Einar Wegener lässt sich zur Frau umoperieren. Der Film basiert auf dem Tagebuch des Malers.

Im „Tagebuch eines Überflüssigen“ erzählt der russische Autor Iwan Turgenjev von Tschulkaturin, der ist dem Tode geweiht ist – und weil er nicht weiß, wie er die Zeit, die ihm noch bleibt, zubringen soll, macht er sich ans Schreiben.

Mein Tagebuch nimmt auf, was ich bewahren möchte, und es gibt Raum für das, was ich noch nicht verstehe. Manchmal ist es Chronik, manchmal Erzählung, manchmal ein Gespräch mit mir selbst. Und manchmal schlicht ein Ort, an dem erzählen kann, wie ich mich fühle.

Seit 1999 ist es an meiner Seite. Als stiller Begleiter meines Lebens.